Niedersächsisch-Westfälische Anglervereinigung e. V. (NWA)
im ANGLERVERBAND NIEDERSACHSEN
- anerkannter Naturschutzverbund -
Abendimpressionen am Niedringhaussee
  Aktuell  
            Archiv            
       Nachrichten       
  Weisungen  
             Ticker             
      Kapitale Fänge      
  Termine  
        Über uns        
       Gewässer       
  Normen  
        Service        
Gastkarte online erwerben
Mitglied werden
NWA-Nachrichten 3/2023
NWA bei facebook
Anglerverband Niedersachsen
Besucherstatistik
Heute:    546
Gesamt: 343.540
Online:    47
( Wittlager Kreisblatt - Monika Vollmer vom 02.08.2023 )

Foto: Monika Vollmer
Angeln zĂ€hlt zu den beliebten FreizeitaktivitĂ€ten und liegt im Trend. Doch was macht genau den Reiz aus, und worin besteht die Kunst? Wir haben die Anglerin Anke Ribbe bei einem Fischzug begleitet. Vollkommen naiv und frei von Ortskenntnissen, orientiere ich mich genau nach dem Navi, um an diesem schwĂŒlen Sommertag zu dem verabredeten Treffpunkt zu gelangen. Etwa 6,7 Millionen Menschen geben an, wenigstens ab und an zum Angeln zu gehen. FĂŒr mich sollte es heute eine Premiere sein.

Anke Ribbe (53), seit vier Jahren Besitzerin eines Angelscheins und Mitglied des Vereins der NiedersĂ€chsisch-WestfĂ€lische Anglervereinigung (NWA), hatte mir im Vorfeld versprochen, mich in die FreizeitaktivitĂ€t einzufĂŒhren. Insgeheim erhoffe ich mir jetzt eine gemĂŒtliche Stelle am Flussufer, einen aufgebauten Klappstuhl und nette GesprĂ€che. Das Ganze verbunden mit geduldigem Warten, bis ein fetter Fisch anbeißen wird. Doch verblĂŒfft bin ich ĂŒber das, was ich an der verabredeten Stelle vorfinde. Mein erstes Mal sollte an einem mir bis dahin unbekannten, jedoch von Vollblutinsekten besiedelten Teil der Hase starten. Statt auf ein lauschiges PlĂ€tzchen blicke ich auf einen schmalen Streifen Urlandschaft mit einer steilen Uferböschung, zugewachsen, ĂŒberwuchert, sandig und rutschig. Steinbrocken hier, Brennnesseln dort, Brombeerranken dazwischen. Die Hase, wenige Meter zuvor noch von stillem Wasser geprĂ€gt, fließt mit fast schon rasanter Strömung. „Vor wenigen Wochen habe ich an diesem Spot eine Forelle gefangen“, verkĂŒndet Ribbe stolz und deutet auf eine besonders unruhige Wasserstelle. Auch heute ist sie sich ziemlich sicher, dass sich Raubfische in der Strömung aufhalten werden.

Die passionierte Anglerin legt ihre Rute samt Schnur und Rolle sowie den Kescher kurz im GebĂŒsch ab, greift in ihre cargofarbene Anglerweste und bringt nacheinander das zum Vorschein, was man immer dabeihaben sollte: Angelschein, Maßband, ein scharfes Messer sowie einen Fischtöter. Sie scheint meinen etwas skeptischen Blick zu bemerken, sagt: „Wenn man nicht töten kann, darf man nicht angeln.“ ErklĂ€rend fĂŒgt sie hinzu, sie angele nur Fische, die sie selbst verzehren möchte und auch sie habe den Jagdsport und das waidgerechte Töten erst lernen mĂŒssen. Aus einer anderen Jackentasche zieht sie ein kleines Döschen, greift darin nach einem der kĂŒnstliche Köder, die einen Fisch darstellen sollen. Kaum hat sie den Widerhaken zurĂŒckgebogen und den Köder an ihrer Angel befestigt, watet sie auch schon mit vorsichtigen Schritten in die Hase, die sich mal knöchel-, mal hĂŒfttief prĂ€sentiert.

Derweil lasse ich den Blick durch die Landschaft schweifen. Ribbes Forellenspot scheint nicht sehr bekannt zu sein. Jedenfalls ist kein weiterer Angler in Sicht und auch sonst kein Mensch. Stattdessen Vögel jeglicher Gesangsrichtung, zig Libellen und ein Eisvogel, der pfeilschnell vorbeifliegt, und zahlreiche Schmetterlinge mit hellblauen FlĂŒgeloberseiten. Ribbe steht mittlerweile flussabwĂ€rts, wirft immer wieder in weitem Bogen ihre Angel aus – nur um die Schnur samt Haken Sekundenbruchteile spĂ€ter wieder zurĂŒck zu kurbeln. Das Resultat in den ersten 30 Minuten: nichts. Allenfalls irgendwelche Grashalme bleiben am Haken hĂ€ngen. Eine Entenfamilie schwimmt, neugierig geworden, in einiger Entfernung vorbei.

Die 53-JĂ€hrige wechselt den Köder mehrmals. Und dann scheint plötzlich doch etwas zu passieren, die Angelrute ist gespannt, ein Widerstand erkennbar. Jetzt hat ein Fisch angebissen, schießt es mir durch den Kopf. Doch Ribbe lacht, klĂ€rt auf: Der Haken hat sich lediglich zwischen den Steinen verkeilt – und muss erst einmal mĂŒhevoll befreit werden. Knapp drei Stunden, zahlreiche Insektenstiche und gefĂŒhlt hundert AngelwĂŒrfen spĂ€ter: die Kapitulation. Dicke Wolken ziehen in der Ferne auf, ein Gewitter scheint im Anmarsch. Ausgerechnet auf den letzten Metern, beim RĂŒckzug aus dem Wasser, rutscht Ribbe auf den glitschigen Steinen aus, setzt sich auf den Hosenboden und ist nass bis auf die Knochen. Wieder lacht sie, erhebt sich und blickt glĂŒcklich und zufrieden drein. Als sie aus dem Wasser steigt, erklĂ€rt sie begeistert, Angeln sei fĂŒr sie Entspannung in der Natur, Ablenkung vom Berufsalltag und der Hausarbeit. Und genau das scheint fĂŒr viele Menschen den Reiz auszumachen. Denn ist man ehrlich, dann passiert die meiste Zeit tatsĂ€chlich nichts. Es geht weder um SelbstĂŒberwindung, Fitness, die richtige Wurftechnik, GenialitĂ€t. Auch nicht um den Adrenalinkick. Angeln wird hĂ€ufig als die Sehnsucht nach Klarheit beschrieben. TatsĂ€chlich kann man viel ĂŒber sich selbst lernen. Die Kunst besteht im Alleinsein, im Warten. Und derweil lĂ€sst es sich in Muße, Entspannung und Kontemplation ĂŒben.
Anfang ]       [ Index ]       [ Aktuell ]